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Dokumentation 2009
BJF-Jahrestagung

BJF-Jahrestagung 2009

Alles bleibt anders – Identität und Veränderung in Kinder- und Jugendfilmen

Tagung für filmbegeisterte junge Leute, Fachkräfte der Jugend-, Kultur- und Bildungsarbeit, Lehrerinnen und Lehrer

Wiesbaden-Naurod, 24. - 26. April 2009

Wer bin ich und wo will ich hin?

Diesmal musste das Organisationsteam bei der Gestaltung der Jahrestagung zum Thema Identität und Veränderung in Kinder- und Jugendfilmen viel unter einen Hut zu bringen. Nicht nur die Auswahl der diversen spannenden Kurzfilme war schwierig, sondern auch die Komplexität der Thematik hatte es in sich: Musik, Beziehungen in Ost- und West filmen, Identitätssuche, Jugendkulturen ... Die Stimmung der rund 80 Teilnehmer und Gästen war gut und insbesondere das junge Publikum hat sich an dem Tagungsprogramm erfreut.

Robeat – so ist sein Künstlername – ist einer der Beatboxer, die im Film „Love, Peace & Beatbox“ von Volker Meyer-Dabisch porträtiert werden. Als Einstieg wurde den Teilnehmern Bonusmaterial von Robeat gezeigt – ein dynamischer Start. Beatboxen ist für einige Jugendliche nicht nur eine Freizeitaktivität, sondern auch eine Art Kultur und Bewegung. Davon konnten sich die Tagungsteilnehmer anhand des Filmes, sowie der anschließenden Live-Performance von zwei Künstlern (Beatbox & Rap) überzeugen. Rocko und Esay aus Kassel brachten mit ihrer Darbietung alle in Schwung und erzählten über ihre Anfänge des Beatboxens bzw. Rappens und welche Veränderungen das Musiker-/Künstler-Leben mit sich bringt. Umrahmt wurde die „Love, Peace & Beatbox-Session“ von vier Kurzfilmen.

„Auf Augenhöhe mit jungen Leuten kommunizieren!“
Am Samstag Morgen berichtete Klaus Farin, Leiter des Archivs der Jugendkulturen aus Berlin, u¨ber die Erfahrungen der unterschiedlichen Jugendkulturen von der Hip Hop-Szene, die zur Zeit die meisten Anhänger zählt, über die Punk-,Techno-, Gothic- und Metal-Szene. Nur rund 20 Prozent der Jugendlichen gehören Jugendkulturen an. Die anderen 80 Prozent verteilen sich auf sportliche Aktivitäten, gehören gar keiner Jugendkultur an oder fühlen sich mal der einen und mal der anderen Kultur zugehörig. Ein Filmbeitrag machte deutlich, wie wichtig Workshops zum Thema Jugendkulturen in Schulen sind. Das Archiv der Jugendkulturen bietet solche Workshops regelmäßig unter der Anleitung von Fachleuten aus der entsprechenden Kultur/Bewegung an. Wichtig dabei ist, dass Schüler und Lehrer getrennt voneinander sind, „sonst öffnen sich die Jugendlichen nicht“, so Klaus Farin.

Anschließend gab es „East- & Westside-Stories“, Kurzfilme, die von Margita Haberland und Regine Jabin vorgestellt wurden. Die Kurzfilme konnten unterschiedlicher nicht sein – DDR 1978 und 1982 – oft schwarzweiß – sowie aktuelle Produktionen. Die Themen der Jugendlichen haben sich nicht großartig verändert. Es ging sowohl in den siebziger Jahren als auch heute um die „erste Liebe“ und das Erwachsen werden. Wie denken Jugendliche in der Stadt und welche Erwartungen haben sie vom Leben? Langeweile und Abhängen oder doch etwas Sinnvolles machen? Das sind Fragen, die nach und zwischen den Kurzfilmen lebhaft diskutiert wurden.

Welche Perspektiven haben Jugendliche?
Alia Pagin führte frisch und präzise durch das Kurzfilmprogramm der Jungen Filmszene, das zugleich einen Vorgeschmack auf die bevorstehende Werkstatt für junge Filmer gab. Sechs Kurzfilme setzten sich mit der Suche nach der eigenen Identität, Glück, Unabhängigkeit, akzeptiert werden etc. auseinander. Besonders erfreulich war, dass die jungen Filmmacher persönlich anwesend waren und gerne über ihre Arbeiten diskutierten. Die Vernetzung zwischen Jahrestagung und der Jungen Filmszene wurde somit verstärkt und im kommenden Jahr soll es wieder so werden.

Die Spielfilm-Entdeckung war „Die Mauerbrockenbande“ von Karl Heinz Lotz, eine Ost-West-Produktion aus der Wendezeit, die vor allem durch die Emotionalität im Spiel der jungen Hauptdarsteller gefiel und durch die Authentizität begeisterte, die uns den damaligen Zeitgeist spüren lässt. Der Film erscheint rechtzeitig vor dem 20. Jahrestag des Mauerfalls als „Durchblick“-DVD des BJF.

Dies gilt auch für „Azur und Asmar“, den die Mainzer Filmpädagogin Nicole Kühn präsentierte: mit orientalischer Musik, Gewürzproben zum Riechen und einem Spiel, das – ebenso wie der Film – zeigte, dass man letztlich nur gemeinsam ans Ziel kommt.

„Novemberkind“, vorgestellt von Reiner Jodorf, war ein weiteres Highlight der diesjährigen Tagung. Anna Maria Mühe spielt in dem Spielfilmdebüt von Christian Schwochow eine Doppelrolle. Zunächst verkörpert sie Inga, die in einem Ort in Mecklenburg-Vorpommern als Bibliothekarin arbeitet, und dann spielt sie Anne, ihre Mutter. Inga hat ihre Mutter nie richtig kennen gelernt, denn Anne hat Inga in der DDR zurück gelassen. Nur davon hat Inga bis zu der Begegnung mit dem Literaturprofessor Robert nie etwas erfahren. Sie dachte, ihre Mutter sei in der Ostsee ertrunken. Der Film zeigt eine Spurensuche nicht nur durch Deutschland. Wir sehen auch, wie das Schicksal zwischen Anne und Inga deutliche Spuren bei Letzterer hinterlässt. Anschließend fand eine rege Diskussion mit der Drehbuchautorin und Mutter des Regisseurs, Heide Schwochow, statt.

Hautnah und intensiv ging es abends bei „Berlin Calling“ zu, vorgestellt von Margita Haberland und Kathrin Lantzsch, sowie bei „Mein Freund aus Faro“, den Eva-Maria Schneider-Reuter präsentierte. Bei „Berlin Calling“ haben die Teilnehmer das Leben von DJ Ickarus, gespielt von DJ Paul Kalkbrenner, sehr nah und realistisch kennen gelernt. In der Tragikomödie von Hannes Stöhr wird sowohl das anstrengende Künstler leben mit diversen Drogenabstürzen gezeigt, als auch die Sehnsucht nach Zusammenhalt und Liebe innerhalb der Familie und zu seiner Freundin.

„Mein Freund aus Faro“ spielt weder in Portugal noch ist der Freund ein Freund. Es bahnt sich eine Beziehung zwischen Miguel (eigentlich Mel, Melanie) und Jenny an. Mel behauptet, da sie sich meistens nicht wie eine Frau fühlt, ein Portugiese aus Faro zu sein, wie ihr Kollege am Fließband. Die Identitätssuche ist bei diesem Film von Nana Neul sehr ausgeprägt. Ebenfalls ausgeprägt war auch die Stimmung vor, während und nach dem Filmeschauen. Die Jugendlichen waren sehr beeindruckt und es war in ihren Augen nicht nur eine Coming-of-Age-Geschichte, die Fragen waren allgemeiner: Wo ist mein Weg? – Wo will ich hin? – Wer bin ich? – Was suche ich? Bei wem und vor allem wann bin ich ich? – Wie funktioniert Liebe? Es wurde über das Rollenverhalten diskutiert: Was ist typisch Mädchen und was ist typisch Junge?

Ausblick:
Die intensive Tagung mit erneut vielen jugendlichen Teilnehmern soll im kommenden Jahr auch von Jugendlichen aktiv mit vorbereitet werden. Interessierte sind herzlich eingeladen, mitzumachen – Voraussetzungen sind lediglich gute Laune und manchmal auch etwas Geduld.

Kathrin Lantzsch (Tagungsleiterin)

Einzelne Projekte des BJF werden gefördert vom

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend