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Dokumentation 2026
BJF-Jahrestagung

Dokumentation: BJF-Jahrestagung 2026

Demokratie und Ich - Werte in Kinder- und Jugendfilmen

17. - 19. April 2026, Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden

 

"Was hat Demokratie eigentlich mit mir zu tun?" - Dieser und vieler weiterer Fragen rund um zentrale Themen wie Demokratiebildung und Teilhabe gingen die Teilnehmenden aus dem gesamten Bundesgebiet – im Alter von 13 bis 79 Jahren - der diesjährigen Jahrestagung an drei intensiven Tagen nach. Die aktuellen Zeiten zeigen deutlich, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer mehr, dass sie gelernt und gemeinschaftlich gelebt werden muss. Sie ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die viele Herausforderungen mit sich bringt und Ohnmachtsgefühle auslösen kann. Mit vielen dieser Herausforderungen setzen sich die Teilnehmenden im Verlauf der Tagung auseinander, näherten sich aber gleichzeitig auch den Chancen und Potenzialen und erfuhren durch die vielseitige Filmauswahl oder das methodische Ausprobieren in Workshops Strategien, diesen Ohnmachtsgefühlen entgegenzutreten. Vor allem aber bot die Tagung die Möglichkeit für einen generationenübergreifenden Dialog darüber, was es für ein demokratisches und gutes Miteinander braucht. Eine Dokumentation von Emily Winkelsträter.

Die Jurymitglieder der BJF-Jugend Filmjurys aus Chemnitz, Frankfurt, München, Münster und Berlin wirkten auch in diesem Jahr wieder kuratorisch mit, moderierten die zahlreichen Filmgespräche und leisteten damit erneut einen unverzichtbaren Beitrag zur Gestaltung der Diskurse.

 

Tag 1
Den filmischen Auftakt zum Tagungsthema lieferte "Morgen gehört uns", der Zugang über verschiedene Perspektiven und Visionen der jungen Protagonist*innen zeigt und damit direkt einen gemeinsamen Reflexionsraum über Selbstwirksamkeit und Teilhabe eröffnete. Bei der anschließenden Filmmoderation von Aurélie, Finlay, Valerie von der BJF-Jugend Filmjury München stellten sich die Teilnehmenden die Frage: "Haben Kinder und Jugendliche denn eigentlich politisches Mitspracherecht?" Der Film schaffte so eine direkte Brücke zum Tagungsthema, öffnete viele Ebenen in Bezug auf Demokratie und schaffte es dennoch, Hoffnung zu vermitteln. 

Nach der offiziellen Begrüßung durch Günther Kinstler (Vorsitzender BJF), Leonie Rieth und Philipp Aubel (Geschäftsführer*innen) und Lena Hormel (BJF, Öffentlichkeitsarbeit) rundete Dr. Sonja Begalke (Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) mit ihrem Vortrag den inhaltlichen Auftakt ab. Unter dem Titel "Wie wird heute Demokratie im Film vermittelt?" besprach sie, wie Filme dazu anregen können, in der Gegenwart aktiv zu werden, um Unrecht in Form von Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus und Geschichtsverleugnung entgegenzutreten? Dazu nannte Begalke ihre Erfahrungen und Filmbeispiele.

Der Spielfilm "Was will der Lama mit dem Gewehr?" bildete den Programmabschluss des ersten Tages. Finja und Nele der BJF-Jugend Filmjury Frankfurt und Chemnitz stellten gezielte Fragen zu eurozentrischen Demokratieverständnissen und Normvorstellungen. "Der Film hält den Spiegel vor, wie man selbst 'programmiert' ist, und lässt erleben, wie Zusammenhalt und Meinungsbildung über zwischenmenschliche Beziehungen funktionieren", so ein Tagungsteilnehmer. Insgesamt waren sich die Teilnehmenden einig: Der Film lässt das eigene Miteinander und die eigene Demokratie bzw. das Demokratieverständnis hinterfragen.
Im Anschluss klang der Tag bei einem geselligen Mix & Mingle aus. 

 

Tag 2
Der Samstag startete mit dem gemeinsamen Frühstück und der Möglichkeit zu einer kurzen Yogaeinheit. Im Anschluss ging es im Programm mit einer Kurzfilmauswahl weiter, die deutlich machte, wie wichtig es ist, kindgerechte, aber anspruchsvolle Inhalte anzubieten – auch und gerade im Kurzfilmformat. "Fünfzehn Minuten", "Vom Dazwischen", "Obervogelgesang" boten dabei unterschiedliche ästhetische und inhaltliche Zugänge zu den Themen Widerständigkeit, Heimat und Zwischenräume, Identität, Aktivismus sowie Ohnmacht und boten unter der Moderation Ari (BJF-Jugend Filmjury Chemnitz), Finja (Frankfurt) und Emily Winkelsträter (BJF-Vorstand) von den Anlass, die eigene Rolle/Positionierung zu reflektieren. 
Im Anschluss erfolgte eine kurze Vorstellung des neuen BJF-KurzFilmVerleihs: rund 100 Filme sind aktuell im Portal zum Verleih und teilweise zum Verkauf verfügbar und bilden eine wichtige strukturelle Erweiterung der filmischen Bildungsarbeit des BJF.

 

Auch die neue "BJF-Jugend-Filmjury" stellt sich vor: Dilan Yildirim, Dascha Petuchow und Fabienne Hopf gaben einen Überblick über die Pläne für das erste Projektjahr der neuen BJF-Jugend-Filmjury. Zudem erzählten Finja, Ari und Charly aus ihrer Perspektive als Jurymitglieder und betonten die persönliche und strukturelle Wichtigkeit des Projekts. "Ich habe eine Meinung und das gibt mir Selbstbewusstsein. Ich als junger Mensch habe eine Stimme und die wird in diesem Kontext gesehen!" Ihr Fazit:

  • Das Projekt verbindet Partizipation mit Selbstermächtigung und schafft Gemeinschaft
  • Es hat großen Wert, weil junge Menschen selber entscheiden/bewerten, welche Filme gut für sie sind
  • Die Juryarbeit ist ein Türenöffner, es fördert Medienkompetenz und schafft jungen Menschen Möglichkeiten, sich tiefer in der Filmbranche zu vernetzen, sichtbar zu sein und mitzugestalten


Best Practice: "Lost in Movies – Junges Kino, große Träume!"
In der Projektvorstellung präsentieren Nina und Sebastian Wybranietz ein Better Practice Projekt, welches im Rahmen des Förderprogramms "Movies in Motion" entstanden ist:  Jugendliche aus Hitzacker und den umliegenden Dörfern treffen sich beim wöchentlichen Filmclub, um Filme zu sichten, über für sie relevante Themen zu diskutieren und anschließend eine eigene, öffentliche Kino-Filmreihe zu gestalten. Die Projektleiter*innen sprachen neben der praktischen Umsetzung insbesondere über die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen und den Einsatz demokratischer Methoden in der Arbeit mit den Jugendlichen.
Die Key-Learnings des Projekts:

  • Selbstorganisation und demokratische/soziokratische Entscheidungsprozesse ist eine Schlüsselkompetenz
  • Gemeinsame Filmarbeit wurde zum partizipativen Erfahrungs- und Lernraum

Das "Movies in Motion"-Netzwerktreffen mit Projektleiterin Gundel Breuer und Projektmitarbeiterin Sandra Weires-Guia am Nachmittag bot Raum für den Austausch über weitere erfolgreiche Methoden in der Filmarbeit mit jungen Menschen.
 

Nachmittags konnten die Teilnehmenden zudem an parallelen Workshops teilnehmen, die praxisnahe Impulse für die Filmvermittlung setzten.

  • Workshop 1: Fake it Yourself - Manipulation durch Filmmontage mit Esther Kuhn  (Medienbildungszentrum Süd der Medienanstalt Hessen)
    Die Teilnehmenden erarbeiteten eigene Fake-News-Videos um zu zeigen, ass Manipulation oft dadurch entsteht, dass Inhalte in einen anderen Zusammenhang gestellt werden
  • Workshop 2: Wie Geschichten unsere Wertesysteme strukturieren. Die Funktionen von Rassismen mit Dr. Radmila Mladenova (Critical Film & Image Hub an der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg)
    Die Teilnehmenden bekamen Tools und Beobachtungsparameter an die Hand, anhand derer sie rassistische Erzählungsstrukturen in Filmen erkennen können
  • Workshop 3: Deine Superkraft für die Demokratie mit Günter Horn (Mehr als wählen e.V.)
  • Barcamp: Das Kino als Treffpunkt und Partizipationsarena mit Finja Dorner und Lou Deinhart (kollektivkinokollektiv e.V.)
    Austausch und Einblicke in das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Utopien (von Kulturorten und Kulturarbeit) und ökonomischen und politischen Realitäten

 

Der Animationsfilm "Hola Frida" mit anschließendem Filmgespräch, moderiert von den BJF-Jugend Filmjury-Mitgliedern Ari und Charly aus Chemnitz zeigte Fragen rund um Identität, Kunst und persönlichen Ausdruck für das junge Publikum ab 6 Jahren auf. Die Tagungsteilnehmenden waren sich einig: Der Film schafft einen Zugang zur Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte und politischen Themen.

 

Werkstatt der Jungen Filmszene – Kurzfilme und Gespräche zum Filmfestival
Am Samstagabend standen Filme junger Filmschaffender im Zentrum. Die Werkstatt der Jungen Filmszene mit Phillip Aubel (Projektleiter) präsentierte auch in diesem Jahr ein diverses Kurzfilmprogramm rund um das Tagungsthema. Der Block bot Rückblick auf die 60. und Vorschau auf die 61. Werkstatt. Besonders das Gespräch mit Benjamin Porps vom Stummfilm "Der Sieg" - entstanden 2025 in einem "Movies in Motion"-Projekt von Kindern zwischen 6 und 13 Jahren - bot die Möglichkeit zu regem Austausch über das Schaffen von Zugängen zum Medium Film.

 

Der Spielfilm des Abends "Morgen ist auch noch ein Tag" führte zu langen Diskussionen. Unter dem Moderation von Alma und Nele von der BJF-Jugend Filmjury Chemnitz diskutiert, wie persönliche Erfahrungen mit größeren gesellschaftlichen Strukturen zusammenhängen, inwiefern Selbstermächtigung als politischer Akt verstanden werden kann und wie wichtig Solidarität als zentrale Kraft für Veränderung, die neue Perspektiven für eine gerechtere Zukunft ermöglicht, ist. "Solidarität eröffnet hier ein neues Morgen" fasst eine Tagungsteilnehmende zusammen.
Am späten Abend kamen die Teilnehmenden wieder zum gemeinsamen Tagesausklang in der Bar zusammen.

 

Tag 3
Am letzten Tagungstag konnte wieder mit erfrischendem Yoga gestartet werden. Darauf folgte die Reflexion der Ergebnisse aus den Workshops des vergangenen Tagungstages durch Leonie Rieth, Emily Winkelsträter und den Workshopleitenden. Diese gaben Einblicke und Gedanken in die zentraler Erkenntnisse aus den Workshops. Im Anschluss resümierten Leonie Rieth und Emily Winkelsträter das intensive Wochenende und öffneten den Raum für die Abschlussreflexion

Der Abschlussfilm "Das geheime Stockwerk" mit Filmbesprechung von Ottilia, Antonia, Mathilda von der BJF-Jugend-Filmjury schaffte emotionalen Zugang zu historischen Themen des Nationalsozialismus un bot zahlreiche Anregungen zur Auseinandersetzung mit Verantwortung, Zivilcourage und demokratischen Werten.

Parallel trafen sich die Mitglieder, wie jedes Jahr, zur jährlichen Mitgliederversammlung. Nach dem gemeinsamen Mittagessen endete die diesjährige Jahrestagung und hinterließ viele Impulse, Gedanken und neue Kontakte, die über das Wochenende hinaus wirken.

 

Resümee
Die Tagung und die gemeinsamen Reflexionen haben verdeutlicht, wie Demokratie sowohl individuell als auch gemeinschaftlich ausgehandelt wird. Gleichzeitig wurde die Kraft des Films, als wichtiger Zugang und Inspiration für das eigene (aktive) Handeln, erneut hervorgehoben. Die Auswahl der Filme durch die BJF-Filmjury ermöglichte es, Perspektiven sichtbar und besprechbar zu machen, Emotionen zu teilen und kritisches Denken zu fördern. Dabei wurde auch deutlich, dass ehrliche Partizipation nur gelingt, wenn junge Stimmen ernsthaft einbezogen und eigene Haltungen reflektiert werden und ihnen echte Mitentscheidungsräume geboten werden. Demokratie entsteht im Zusammenspiel von Wahrnehmen, Diskutieren und aktivem Handeln und ist eine kollektive Verantwortung, die gegenseitiger Achtsamkeit und Austausch auf Augenhöhe bedarf.

 

Herzlicher Dank
Ein herzlicher Dank gilt allen Beteiligten, den jungen Jurymitgliedern, den Filmschaffenden und Referierenden. Die BJF-Jahrestagung 2026 hat erneut gezeigt, wie kraftvoll und lebendig Filmkultur sein kann – wenn wir sie gemeinsam gestalten. Es bleibt spannend, wie der BJF auch im kommenden Jahr die aktuellen Begebenheiten der Kinder- und Jugendfilmarbeit bearbeitet.

Einzelne BJF-Projekte gefördert vom:

Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Im Rahmen des:

Kinder- und Jugendplan des Bundes